Warum die Motivation im Januar oft in einer Sackgasse endet
Eine Analyse von 1,1 Millionen Nutzern zeigt: Wer im Mai startet, bleibt statistisch gesehen deutlich länger am Ball.
Neustart auf Knopfdruck: Was uns zum Jahreswechsel antreibt
Dass wir uns pünktlich zum Jahreswechsel so viel vornehmen, ist kein Zufall, sondern tief in unserer Psychologie verwurzelt. Die Forschung spricht hierbei von „zeitlichen Meilensteinen“ (im Englischen: temporal landmarks), die den sogenannten „Fresh Start Effect“ auslösen. Ob Neujahr, der eigene Geburtstag oder der Beginn eines neuen Monats: Diese Fixpunkte wirken wie emotionale Reset-Knöpfe.
Sie erlauben uns einen psychologischen Trick: Wir haken vergangene Misserfolge einfach bei unserem „alten Ich“ ab und starten mit dem befreienden Gefühl eines unbeschriebenen Blattes in die Zukunft.
Dieses Verhaltensmuster belegt auch eine 2015 von den U.S. National Institutes of Health veröffentlichte Studie: Menschen beginnen lebensverändernde Gewohnheiten signifikant häufiger an Tagen, die sich wie der Beginn einer „neuen Ära“ anfühlen. Dabei handelt es sich um ein universelles Phänomen, das über Ländergrenzen hinweg zu beobachten ist.
Besonders die Deutschen erweisen sich dabei als „Weltmeister der guten Vorsätze“. Zum Start des Jahres 2026 gaben stolze 36 % der Bundesbürger an, Neujahrsvorsätze gefasst zu haben. Damit liegen sie deutlich vor den US-Amerikanern (31 %) und den Briten (19 %).
Neben Klassikern wie Fitness und Ernährung steht dabei oft auch der Erwerb neuer kreativer Fähigkeiten im Fokus, etwa das Erlernen eines Musikinstruments.
Es gibt jedoch eine drastische Diskrepanz zwischen dem symbolischen Akt des Anfangens und der harten Realität des Durchhaltens. Während diese zeitlichen Meilensteine hervorragend geeignet sind, den ersten Stein ins Rollen zu bringen, sagen sie wenig über den langfristigen Erfolg aus.
Um dies zu untersuchen, hat die Klavierlern-App Skoove gemeinsam mit dem Berliner Datenstudio DataPulse Research eine umfassende Verhaltensstudie durchgeführt.
Basierend auf den Anmeldedaten von über 1,1 Millionen Nutzern und Nutzerinnen zwischen 2021 und 2024 bietet die Analyse einen exklusiven Einblick in die Realität des langfristigen Lernerfolgs.
Betrachtet man diesen „Fresh Start Effect“ anhand von echtem Nutzerverhalten statt nur durch Umfragen und Selbsteinschätzungen, offenbart sich ein fundamentales Paradoxon: Phasen höchster Anfangsmotivation korrelieren oft mit den niedrigsten Quoten beim Durchhalten.
Mit anderen Worten: Der „Neuanfang“ im Januar könnte statistisch gesehen der schlechteste Zeitpunkt sein, um sicherzustellen, dass man ein Instrument wirklich langfristig lernt.
Zwischen Aufbruchsstimmung und Ausdauer
Der ‚Fresh Start Effect‘ liefert zwar die Erklärung dafür, warum wir überhaupt loslegen, aber eine Garantie für langfristiges Durchhaltevermögen ist er nicht. Um dieses Phänomen besser zu verstehen, untersuchten die Forscher, an welchem Punkt Motivation tatsächlich in eine beständige Gewohnheit übergeht und in welchen Monaten die Chancen auf eine langfristige Übungspraxis am höchsten sind.
Um dieses dauerhafte Engagement messbar zu machen, greift die Studie auf einen umfangreichen Datensatz von 1.137.446 anonymisierten Nutzerinnen und Nutzern zurück, die sich über einen Zeitraum von vier Jahren (2021 bis 2024) zum Klavierlernen angemeldet haben.
In einem ersten Schritt analysierten die Forscher, wann die Anmeldezahlen ihren Höhepunkt erreichten. Die Daten bestätigen die Erwartungen: Knapp ein Viertel aller jährlichen Neuanmeldungen entfällt allein auf das kurze Zeitfenster zwischen Dezember und Januar.

„Die Daten zeigen, dass der Jahreswechsel wie ein universeller Magnet für unsere Ambitionen wirkt. Es ist der Moment, in dem das ‚zukünftige Ich‘ die Regie übernimmt. Das Erlernen eines Instruments wird dann zum Symbol für die Person, die man gerne sein möchte.“
Timing schlägt Neujahrseifer: Warum der Startzeitpunkt entscheidender ist als der erste Motivationsschub
Im nächsten Schritt untersuchten die Forscher die Aktivität über einen Zeitraum von sechs Monaten. Dafür wurden die Teilnehmenden basierend auf ihrem Startmonat in Gruppen (Kohorten) unterteilt. Diese Methodik erlaubt einen präzisen Vergleich: Wie sehr beeinflusst der Zeitpunkt des ersten Anschlags die Chance, dass ein Anfänger auch nach einem halben Jahr noch regelmäßig am Klavier sitzt?
Die Daten offenbaren dabei eine markante Schere zwischen dem anfänglichen Ansturm und der tatsächlichen Ausdauer. Während die Anmeldezahlen zum Jahreswechsel förmlich explodieren, markiert genau diese Phase den Tiefpunkt bei der langfristigen Beständigkeit.
Die untenstehende Heatmap macht dieses „Dranbleiben“ über sechs Monate hinweg sichtbar. Das Ergebnis ist eindeutig: Die höchste Ausdauer findet sich im zweiten Quartal des Jahres. Die „treuesten“ Klavierschüler sind diejenigen, die im Mai beginnen, dicht gefolgt von den Juni- und April-Kohorten.
Impuls vs. Intention: Warum weniger Druck zu mehr Erfolg führt
Diese Schere deutet darauf hin, dass der „Fresh Start“-Impuls dem langfristigen Lernerfolg sogar im Weg stehen kann. Die Hochphase im Januar wird oft von Wunschvorstellungen befeuert, denen das Fundament im Alltag fehlt. Wer das Klavierspielen einfach auf eine lange Liste vager Vorsätze setzt, riskiert einen „Vorsatz-Stau“, der im Februar oft in sich zusammenbricht.
Im Gegensatz dazu stehen die Lernenden, die im späten Frühjahr beginnen. Es liegt nahe, dass sie eine bewusste Entscheidung treffen, zu einem Zeitpunkt, an dem der gesellschaftliche Druck nachgelassen hat und die mentalen Kapazitäten für eine echte Routine eher vorhanden sind.
Dies verdeutlicht: Damit aus einem Vorsatz eine feste Gewohnheit wird, zählt die innere Beständigkeit mehr als ein symbolisches Datum im Kalender. Die Daten untermauern diesen Trend:
- Die Neujahrs-Kohorten zeigen die geringste Ausdauer. Lernende, die im Dezember starten, weisen eine Durchhaltequote auf, die 28 % unter dem Jahresdurchschnitt liegt.
- Januar-Starter schneiden mit 21 % unter dem Durchschnitt nur unwesentlich besser ab. Das bestätigt: Die typische „Neujahrs-Energie“ ist ein extrem flüchtiger Treibstoff, der schnell verpufft.
- Im Gegensatz dazu bildet sich im zweiten Quartal ein klarer „Gipfel der Beständigkeit“ heraus. Wer den saisonalen Trubel im Januar ignoriert und stattdessen im April, Mai oder Juni beginnt, bleibt deutlich stabiler am Ball: Die Durchhaltequoten liegen hier zwischen 18 % und 23 % über dem Gesamtdurchschnitt.
- Die Mai-Kohorte ist dabei am erfolgreichsten: Diese Lernenden erreichen den Meilenstein des ersten halben Jahres mit einer 23 % höheren Wahrscheinlichkeit als der Durchschnitt, und lassen damit vor allem die Starter aus dem Dezember weit hinter sich.

„Die Daten bestätigen eine fundamentale Wahrheit über das Lernen: Echter Erfolg entsteht, wenn das Klavierspielen einen natürlichen Platz in dem Leben findet, das man bereits führt. Im zweiten Quartal erleben wir Lernende, die keinem ‚neuen Ich‘ hinterherjagen. Sie treffen schlicht eine bewusste Entscheidung für ihre Musik und genau diese Abwesenheit von äußerem Druck lässt die Gewohnheit tiefe Wurzeln schlagen.“
Das Verfallsdatum der guten Vorsätze?
Die Ergebnisse der Studie wirken wie ein Spiegel für ein weitaus größeres kulturelles Phänomen: das kollektive Scheitern von Neujahrsvorsätzen. Dass die Motivation meist nur von kurzer Dauer ist, untermauern auch internationale Studien.
So zeigten Daten von Pew Research aus dem Jahr 2024, dass bereits Mitte Januar 41 % der Befragten in den USA ihre Vorsätze ganz oder teilweise aufgegeben hatten. Eine ähnliche YouGov-Umfrage in Großbritannien kam 2017 zu dem Ergebnis, dass 22 % der Teilnehmenden bereits nach nur sechs Tagen im neuen Jahr an ihren eigenen Zielen gescheitert waren.
Auch langfristige Erhebungen verdeutlichen, wie schwer es ist, Vorsätze wirklich durchzuhalten. Laut der YouGov-Studie von 2017 schafften es gerade einmal 27 % der Britinnen und Briten, ihre Vorhaben über das gesamte Jahr hinweg zu verfolgen.
Es zeigt sich ein übergreifendes Muster: Das Klavierspielen ist hier keine Ausnahme. Ob Gesundheit, Finanzen oder Musik – der „Fresh Start“ liefert zwar oft den Funken für den Beginn, aber die Daten legen nahe, dass er allein selten für die nötige Ausdauer bis zum Ziel ausreicht.
Dranbleiben statt Aufgeben: So überwinden Sie die „Anfänger-Mauer“
Ein Start im Januar bedeutet natürlich nicht automatisch das Aus für das neue Hobby. Vielmehr verdeutlicht er eine klassische Herausforderung: den schwierigen Übergang von einem symbolischen Meilenstein zu einer echten Alltagsroutine. Die Hürde, eine neue Gewohnheit zu etablieren, ist ein universelles Thema, das weit über das Klavierspielen hinausgeht.
Fender-CEO Andy Mooney wies bereits 2019 in einem Interview darauf hin: Während rund 50 % aller Gitarren des Unternehmens an Anfängerinnen und Anfänger verkauft werden, hängen etwa 90 % dieser Personen das Instrument innerhalb der ersten 12 Monate wieder an den Nagel.
Das zeigt: Die Hürde, dranzubleiben, ist gerade zu Beginn extrem hoch. Oft überholen die technischen Schwierigkeiten der ersten Lernphase das ursprüngliche Motivationshoch, bevor die Gewohnheit gefestigt ist. Diese „Beginner’s Wall“ (Anfänger-Mauer) lässt sich jedoch überwinden.
Wer seine Vorsätze für 2026 wirklich durchziehen will, sollte deshalb weniger auf Willenskraft und mehr auf ein kluges System setzen. Hier sind drei Strategien, mit denen der Wechsel vom „Wollen“ zum „Können“ klappt:
- Suchen Sie sich Ihre „Lieblings-Hits“ aus: Motivation ist kein Dauerzustand. Damit der Spaß nicht auf der Strecke bleibt, sollten Sie genau das spielen, was Sie wirklich lieben. Wer seinen Lieblingssong oder einen bekannten Soundtrack lernt, schüttet genug Dopamin aus, um auch die trockenen Übungsphasen zu überstehen.
- Die „Goldlöckchen-Regel“ für Ziele: Der schnellste Weg zum Frust führt über zu schwere Aufgaben. Setzen Sie sich kleine Etappenziele. Die Übungen sollten sich genau richtig anfühlen: fordernd genug, damit es nicht langweilig wird, aber leicht genug, um nicht zu verzweifeln.
- Dranbleiben schlägt Durchdrehen: Ein riesiger „Übungs-Marathon“ am Wochenende bringt weniger als man denkt. Viel effektiver sind kurze, knackige Einheiten, etwa 15 Minuten, dafür aber regelmäßig. Das Gehirn lernt durch Beständigkeit, nicht durch Überforderung.
Ob wir eine neue Fähigkeit wirklich meistern, hängt also weniger vom „Fresh Start“-Moment ab, sondern vielmehr vom bewussten Schritt weg von der bloßen Absicht hin zur festen Gewohnheit.
Für alle Lernenden gilt, völlig unabhängig vom Startmonat: Der entscheidende Indikator für den langfristigen Erfolg ist nicht der Tag, an dem sie beginnen. Es ist das Gerüst oder das System, das sie sich bauen, um auch dann dranzubleiben, wenn die anfängliche Neujahrs-Euphorie unweigerlich verpufft ist.
Methodik
Die Analyse basiert auf den Daten zur Nutzungsbeständigkeit von Skoove, die aus dem Mixpanel-Retention-Bericht stammen. Nutzende, die sich zwischen Januar 2021 und Dezember 2024 auf der Plattform angemeldet haben, wurden basierend auf ihrem Startmonat in Gruppen (Kohorten) analysiert.
Die Durchhaltequote wurde ermittelt, indem die Nutzenden über einen Zeitraum von sechs Monaten analysiert wurden. Die Quote für jede Kohorte wurde berechnet, indem die Anzahl der aktiven Nutzenden in den Monaten 1, 2, 3 usw. durch die ursprüngliche Anzahl der Nutzenden im Monat 0 geteilt wurde. Insgesamt wurden 1.137.446 Nutzende über alle Kohorten hinweg analysiert.
Um repräsentative Werte für jeden Monat zu erhalten, wurden die Durchhaltequoten über den Vierjahreszeitraum gemittelt. (Die Januar-Kohorte entspricht beispielsweise dem Durchschnittswert aller Neuanmeldungen aus den Januaren der Jahre 2021, 2022, 2023 und 2024.)
Für den Vergleich der Gruppen untereinander wurde zunächst der niedrigste Wert nach sechs Monaten ermittelt (Dezember-Kohorte). Anschließend wurde die prozentuale Abweichung der anderen elf Monate zu diesem Referenzwert berechnet.
Die dargestellten Trends basieren auf der durchschnittlichen Durchhaltequote aller Nutzenden über den gesamten Zeitraum. Um zu bestimmen, ob eine Gruppe über oder unter dem Durchschnitt liegt, wurde die prozentuale Differenz zwischen der jeweiligen Kohorte und dem Gesamtdurchschnitt in einmonatigen Intervallen berechnet. So lässt sich beispielsweise präzise ablesen, wie stark die Dezember-Kohorte im sechsten Monat vom allgemeinen Durchschnitt aller Lernenden abweicht.
Studie von: Skoove & DataPulse Research
Redaktion: Susana Pérez Posada
Mit über sieben Jahren Klavierausbildung und einer tiefen Leidenschaft für Musiktherapie bringt Susana eine einzigartige Mischung aus Expertise zu Skoove. Als Absolventin in Musiktherapie von der SRH Hochschule Heidelberg und erfahrene klassische Pianistin der Universidad EAFIT, durchdringt sie ihren Unterricht mit einem ganzheitlichen Ansatz, der traditionellen Klavierunterricht transzendiert. Susanas Schriften für Skoove kombinieren ihr reiches musikalisches Wissen mit fesselndem Geschichtenerzählen und bereichern die Lernerfahrung für Pianisten aller Stufen. Abseits des Klaviers liebt sie es, neue Orte zu erkunden und sich in ein gutes Buch zu vertiefen, da sie glaubt, dass diese vielfältigen Erfahrungen ihren kreativen Unterrichtsstil verbessern.
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